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Heimvorteil Industrial AI: Warum das Firmennetz über den KI-Erfolg entscheidet

Viele Unternehmen experimentieren mit Chatbots, testen Assistenten oder bauen erste Agenten. Doch die eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo KI nicht nur Texte erzeugt, sondern Prozesse steuert: in Fabriken, Logistikzentren, Laboren, Krankenhäusern, Energie- und Versorgungsnetzen. Latenz, Verfügbarkeit, Sicherheit, Datenhoheit und Integration sind hier die entscheidenden Kriterien.

02.06.2026
Lesezeit: 5 min

Für Dr. Niklas Horstmann, Vice President Secure Networking bei Telekom Business, steht deshalb fest: Beim nächsten Schritt der KI-Revolution rückt die Infrastruktur und das Netz in den Fokus. Im Gespräch erklärt er, warum deutsche Unternehmen einen echten Heimvorteil haben, warum Secure Networking in die strategische Diskussion gehört und wie wir die Datenströme der Zukunft steuern.

Herr Horstmann, beim Thema KI schauen viele zuerst ins Silicon Valley. Haben deutsche Unternehmen den Anschluss verpasst?

Nein. Aber wir müssen auf die richtige Disziplin schauen. Wenn es um sehr große, generische Basismodelle geht, sind die USA derzeit sehr stark. Das ist offensichtlich. Aber für die deutsche Wirtschaft ist eine andere Frage entscheidend: Wie bringen wir KI in reale Wertschöpfung?

Unser Vorteil liegt nicht darin, den nächsten globalen Chatbot zu bauen. Unser Vorteil liegt im Prozesswissen unserer Industrie, in Maschinen, Fertigungslinien, Qualitätsdaten, Lieferketten und jahrzehntelanger Ingenieurserfahrung. Dieses Wissen lässt sich nicht einfach kopieren. Die entscheidende Aufgabe ist jetzt, es mit KI nutzbar zu machen: sicher, skalierbar und nah an der Anwendung.

Deshalb spreche ich gerne von einem Heimvorteil. Aber Heimvorteil gewinnt kein Spiel von allein. Man muss ihn auf den Platz bringen.

Was heißt das konkret? Viele Unternehmen sagen: Wir haben Daten, wir haben erste KI-Piloten. Trotzdem bleibt der große Durchbruch oft aus.

Weil zwischen einem guten Pilotprojekt und produktiver KI ein großer Unterschied liegt. Im Labor reicht es, wenn ein Modell eine beeindruckende Antwort gibt. In der Produktion muss es zuverlässig, nachvollziehbar und sicher funktionieren. Und zwar nicht einmal, sondern jeden Tag.

Das Problem ist selten nur der Algorithmus. Viel häufiger liegt es an der Verbindung der Welten: IT, OT, Cloud, Edge, Security, Compliance, Datenmanagement. Diese Bereiche sind in vielen Unternehmen historisch getrennt gewachsen. KI zwingt sie jetzt zusammen.

Ein Beispiel: Wenn eine KI Qualitätsabweichungen in einer Fertigungslinie erkennen soll, reicht es nicht, Bilder oder Sensordaten irgendwo in die Cloud zu schicken. Die Daten müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort verarbeitet werden. Die Entscheidung muss schnell genug zurückkommen. Und das Ganze muss so abgesichert sein, dass niemand neue Angriffsflächen in die Produktion öffnet. Genau hier wird Infrastruktur plötzlich strategisch.

Sie sagen also: KI scheitert nicht an mangelnder Fantasie, sondern an der Umsetzung?

Oft ja. Viele Unternehmen haben gute Ideen. Sie wissen auch, wo ihre Schmerzpunkte liegen: Ausschuss reduzieren, Wartung besser planen, Energieverbrauch optimieren, Lieferketten resilienter machen, Serviceprozesse automatisieren. Aber dann wird es technisch und organisatorisch komplex.

Die Frage lautet nicht mehr: „Welches KI-Modell ist das beste?“ Die bessere Frage lautet: „Welche Architektur brauche ich, damit KI in meinem Betrieb sicher Wirkung entfalten kann?“ Das ist ein anderer Blick. Weniger Hype, mehr Handwerk. Aber genau dort entsteht echter Wettbewerbsvorteil.

Welche Rolle spielt dabei das Firmennetz? Für viele Entscheider war das Netzwerk lange eher ein Hygienefaktor: Es muss funktionieren, aber es steht selten oben auf der Agenda.

Das war lange verständlich. In der klassischen Unternehmens-IT ging es darum, Standorte, Mitarbeitende, Anwendungen und Rechenzentren stabil zu verbinden. Wenn E-Mail, ERP und Videokonferenzen liefen, war das Netz unauffällig - und unauffällig galt als gut.

Mit KI ändert sich das. Das Netzwerk wird vom Transportmedium zur Steuerungsplattform. Es entscheidet, welche Daten in Echtzeit verarbeitet werden, welche Workloads an die Edge gehören, welche in die Cloud gehen, welche Zugriffe erlaubt sind und welche Datenströme priorisiert werden müssen. Sobald KI in geschäftskritische Prozesse einzieht, wird das Netz Teil der Wertschöpfung und beeinflusst Produktivität, Sicherheit und Innovationsgeschwindigkeit.

Man kann es mit dem Nervensystem vergleichen: Es reicht nicht, dass Signale irgendwie ankommen. Sie müssen schnell, sicher und im richtigen Kontext ankommen. Sonst bleibt auch der beste KI-Ansatz wirkungslos. Deshalb gehört Secure Networking unbedingt in die strategische Diskussion.

Viele Unternehmen erwarten heute Cloud-Geschwindigkeit. Rechenleistung lässt sich in Minuten buchen. Beim Netzwerk dauert Veränderung oft deutlich länger. Passt das noch zusammen?

Immer weniger. Deshalb entwickelt sich auch das Netzwerk weiter: weg von starrer Hardwarelogik, hin zu software-definierten, automatisierten und flexiblen Architekturen.

Daher verfolgen wir die Idee von Network-as-a-Service: Unternehmen sollen sichere Konnektivität, Routing, Security-Funktionen und Cloud-Anbindungen deutlich schneller und bedarfsgerechter nutzen können. Nicht für jede Veränderung ein Hardwareprojekt. Nicht jedes Mal wochenlange Vorläufe. Sondern mehr Steuerbarkeit über Plattformen, Automatisierung und regionale Service-Knoten. Mit Magenta Secure Fabric arbeiten wir genau in diese Richtung: sichere Unternehmensnetze so flexibel bereitzustellen, dass sie mit Cloud- und KI-Projekten Schritt halten.

Wichtig ist mir aber: Das ist kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, das Netz moderner klingen zu lassen. Es geht darum, Veränderungsgeschwindigkeit in die Infrastruktur zu bringen.

Ist das vor allem ein Thema für Großkonzerne, oder können auch mittelständische Unternehmen profitieren? Viele von ihnen verfügen über keine eigene IT und sind überfordert von der Vielzahl an Sicherheitstools, die sich über Jahre angehäuft haben.

Der Mittelstand profitiert sogar besonders, wenn wir Komplexität reduzieren. Gerade diese Unternehmen besitzen das tiefe Prozesswissen, das nötig ist, um aus KI echte Wertschöpfung zu generieren.

Ein Ansatz, den ich für sehr relevant halte, ist Schutz direkt aus dem Netz. Mit Security OnNet haben wir bei der Deutschen Telekom eine Lösung auf den Markt gebracht, die daten- und betriebssouverän angelegt ist und direkt ins Netz der Deutschen Telekom integriert wird. Der Basisschutz entsteht also nicht erst auf dem Endgerät oder durch eine zusätzliche Box im Unternehmen, sondern bereits im Netz.

Das demokratisiert Cybersecurity: Es senkt die technologische Einstiegshürde radikal, reduziert den Betriebsaufwand und gibt dem Mittelstand genau die Sicherheit und Handlungsfähigkeit, die er braucht, um mit KI durchzustarten.

Kann ein Netz in der Cyberabwehr wirklich einen Unterschied machen? Angriffe sind doch oft extrem schnell.

Gerade weil Angriffe so schnell sind, macht das Netz einen Unterschied. Wer Angriffe erst am Endpunkt sieht, sieht sie oft sehr spät. Wenn man dagegen Muster bereits im Netz erkennt, gewinnt man Zeit und Kontext.

In unseren Netzstrukturen können wir bestimmte Angriffe rund 20 Millisekunden früher erkennen, bevor sie die Edge erreichen. 20 Millisekunden klingen im Alltag nach fast nichts. In der Cyberabwehr, und erst recht in einer Welt KI-gestützter Angriffe, ist das ein wertvoller Vorsprung. Denn Verteidigung wird zunehmend automatisiert. Je früher ein Signal erkannt und eingeordnet wird, desto schneller können Schutzmechanismen greifen.

Wenn Sie auf die nächsten Jahre blicken: Auf welche Art von Datenverkehr müssen sich Unternehmen einstellen und wird das Netz durch KI künftig autonomer?

Wir müssen uns auf deutlich mehr Maschinenkommunikation, deutlich mehr Echtzeit und Dynamik einstellen. Heute denken viele beim Netzwerk noch an Menschen, die Anwendungen nutzen. Morgen kommunizieren KI-Agenten, Maschinen, Sensoren und digitale Zwillinge miteinander. Das erzeugt völlig neue Muster: Der Datenverkehr wird sprunghafter, kritischer und stärker kontextabhängig.

KI kann helfen, Anomalien zu erkennen, Kapazitäten vorherzusagen oder Datenströme dynamisch zu optimieren. Aber auch hier gilt: Autonomie braucht Vertrauen. Ein Netzwerk, das eigenständig Entscheidungen unterstützt, muss nachvollziehbar und sicher sein. Gerade in kritischen Umgebungen darf Automatisierung keine Blackbox sein. Nur dann wird das Netz zu einem echten, verlässlichen Teil der KI-Architektur.

Was ist Ihr wichtigster Rat an Entscheider, die auf der Digital X nach Orientierung suchen?

Starten Sie nicht mit der Frage: „Welche KI sollten wir kaufen?“ Starten Sie mit der Frage: „Wo entsteht bei uns Wert, wenn Entscheidungen schneller, präziser oder automatisierter werden?“

Suchen Sie einen konkreten Schmerzpunkt. Qualitätsprüfung, Wartung, Energie, Service, Lieferkette - irgendetwas, das betriebswirtschaftlich relevant ist. Dann prüfen Sie ehrlich, welche Daten, welche Latenz, welche Sicherheit und welche Integrationsfähigkeit dafür nötig sind.

Und betrachten Sie Ihr Netzwerk nicht länger als Hintergrundtechnik. Es ist die Grundlage, auf der KI produktiv wird. Ohne Daten keine KI. Ohne sichere Netze keine skalierbare KI. Ohne Integration keine Wirkung.

Die Unternehmen, die das verstehen, werden KI nicht nur ausprobieren. Sie werden sie in echte Wertschöpfung übersetzen. Genau dort entscheidet sich die nächste Phase der Digitalisierung.

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